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„Die Wirkung wird unterschätzt“

Naturheilkunde in der Krebsbehandlung

Naturheilkunde ist populär – auch bei Krebspatienten. Was kann man sich erhoffen? Und wo ist Skepsis geboten?

Dr. György Irmey ist Ärztlicher Direktor der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr in Heidelberg und Vorsitzender des Förderkreises "Ganzheit in der Medizin" (Ganimed e.V.) an der Universität Heidelberg.

 

Herr Dr. Irmey, was kann man sich bei einer Krebserkrankung von Misteltherapie, Kräutertees und Akupunktur erhoffen?

Naturheilkundlich basierte Verfahren können beispielsweise sehr gut Nebenwirkungen der konventionellen Therapie lindern: Übelkeit, extreme Müdigkeit oder auch depressive Gefühle. Solche Therapien sollen die konventionelle Krebstherapie in den meisten Fällen nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Misteltherapie

Sind naturheilkundliche Angebote auch ein Weg, die Krankheit psychisch zu bewältigen.

Der positive Effekt auf die Psyche ist sogar ganz entscheidend. Wenn man den Patienten über seine Therapie – ob nun konventionell oder biologisch naturheilkundlich – mitentscheiden lässt, fühlt er sich nicht mehr als hilfloses Opfer. Die Betroffenen wollen selbst etwas zu ihrer Genesung beitragen und das können sie auch! Das wird in der Medizin bislang viel zu sehr unterschätzt.

Nur wenige Ärzte stehen den ergänzenden naturheilkundlichen Verfahren offen gegenüber.

Das ist richtig. Wenn ich mir die Landkarte in Deutschland anschaue, dann sind das sehr wenige. Es gibt ein paar zarte Pflänzchen in Berlin, Essen, München und Tübingen  - aber insgesamt ist das Angebot mehr als dürftig. Ich glaube, dass die Onkologie sich dem naturheilkundlichen Bereich sehr viel mehr öffnen müsste.

Ist Skepsis nicht auch angebracht? Kann nicht zum Beispiel Johanniskraut bewirken, dass die Chemotherapie nicht mehr so gut anschlägt?

Beim Johanniskraut muss man tatsächlich vorsichtig sein. Bei vielen Wechselwirkungen wird aber zu sehr verallgemeinert. Wenn es eine Wechselwirkung mit einem Chemotherapeutikum gibt, gilt das nicht automatisch für alle anderen Medikamente auch. Es ist wichtig, genau hinzuschauen, statt die komplementären Therapien pauschal abzulehnen.

Als Patient sollte ich mich aber immer mit meinem Arzt absprechen, wenn ich zusätzlich etwas einnehme - auch wenn es „nur“ etwas Pflanzliches ist, oder?

Das ist richtig. Wir machen aber leider die Erfahrung, dass Patienten, die das offen ansprechen, immer noch auf eine Mauer stoßen. Da kommen Bemerkungen wie: „Da können Sie sich genauso gut eine Frikadelle auf den Bauch legen“. Das ist natürlich nicht sehr erbaulich und zerstört das Vertrauen in den Arzt. Dabei ist das enorm wichtig für einen günstigen Therapieverlauf!

Krebs ist eine Krankheit, die große Angst macht. Das machen sich immer wieder Scharlatane zu Nutzen. Wann sollten bei Patienten die Alarmglocken schrillen?

Wenn jemand behauptet, er könnte „jedem“ helfen, oder sagt: „Nur das, was ich mache, kann Sie retten“, dann ist immer Skepsis angebracht. Auch wenn die Therapien sehr, sehr teuer sind, müssen Sie vorsichtig sein.

Das Problem ist ja nicht nur, dass man betrogen und einem das Geld aus der Tasche gezogen wird, solche angeblichen Wundermittel können auch schädlich sein.

Richtig. In seltenen Fällen sind die angepriesenen Wundermittel tatsächlich schädlich. Schädlich kann auch sein, wenn der Patient laufende Therapien abbricht.

Andererseits möchte ich manchmal auch einige konventionelle Behandlungen als Scharlatanerie bezeichnen. Es gibt immer wieder neue Krebsmedikamente, die sich in Preiskategorien zwischen 80.000 und  100.000 Euro im Jahr bewegen. Einige davon, deren Nutzen mehr als fragwürdig ist, kommen trotzdem zum Einsatz.

Ebenso kritisch sehe ich es, wenn Patienten im Endstadium Chemotherapien verabreicht werden, die unsinnig sind. Sie verursachen sehr viel Leid und verkürzen unter Umständen sogar das Leben der Patienten, anstatt es zu verlängern.

Das liegt aber vermutlich an der Hilflosigkeit der Ärzte.

Sicher, aber wenn man nur noch das Leiden vergrößert und in die Länge zieht, sollte man es gut sein lassen. Auch als Arzt ist es notwendig, den Umgang mit ausweglosen Situationen zu lernen.

gekürzt nach © Christiane Fux, NetDoktor.de


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