LOGIN

Bewertung: 4 / 5

Rating StarRating StarRating StarRating StarRating Star Blank
 

U. S., die Ehefrau eines Betroffenen, berichtet über das "danach":

Diese Aussage zu hören, egal wie behutsam vorgetragen, oder welche mildernden Erläuterungen danach folgen, fühlt sich an wie ein Todesurteil entgegenzunehmen.

Ein Schock, dessen Schrecken man durch nüchterne Recherchen und überlegenes Wissen in den Griff zu bekommen versucht. So jedenfalls agierte ich als Partnerin, nach der ersten Betäubung. Nachdem für uns, als Paar, alles überstanden ist und ein positiver Ausgang so viele Veränderungen zur Folge hatte, ist es mir ein Anliegen einen kurzen, wie ich hoffe, mutmachenden Erfahrungsbericht zu verfassen.

Schon während der Vorgespräche mit unserem Urologen, nachdem die Entscheidung für eine Operation bereits gefallen war, kristallisierten sich zwei postoperative „Drohgespenster“ als unabänderlich heraus: Inkontinenz, Impotenz. Nicht einschätzbar, so sagte man uns, sind Grad und Dauer der jeweiligen Behinderungen, weil in jedem Genesungsprozess anders. Doch hat in diesem Stadium die Krebsbekämpfung, den lebensbedrohlichen Tumor zu entfernen und die Hoffnung auf Nichtmetastasenbildung, oberste Priorität. Die Gedanken an die Zeiten nach der Operation sind sekundär.

Als bei meinem, damals 51-jährigen, Mann alles optimal verläuft, der Tumor verkapselt war und, nach Aussagen des Chirurgen, der Eingriff so nervenschonend wie möglich erfolgt ist, ist die Dankbarkeit unsagbar groß. Grenzenlose Erleichterung, Triumph und Freude mischen sich.

Erst viel später, gegen Ende der Rehaphase, wage ich es unser zukünftiges Sexualleben zu thematisieren- sehr zaghaft und wohlwissend um die Brisanz des Themas. Zu diesem Zeitpunkt hat mein Mann auch nicht nur ansatzweise eine Vorstellung oder gar Ambitionen, hinsichtlich dieses Themas. Im Gegenteil, der Bereich ist für ihn angstbesetzt und ein nicht trittsicheres Gelände.

An dieser Stelle ist der Mut und die Einsatzbereitschaft des Partners in hohem Maße gefragt. Aufklärung seitens der Ärzteschaft, oder im Zuge der Rehamaßnahmen gibt es natürlich. Trotzdem bleiben diese Informationen unzureichend, denn eine Rezeptur für eine bannbrechende Wiederaufnahme der individuellen sexuellen Beziehung kann auch der beste Arzt nicht mit auf den Weg geben. Zumal dieser sensible, gesellschaftlich weitgehend tabuisierte Bereich auch für Ärzte nicht einfach zu handhaben ist. Bei allem Bemühen um Offenheit und Hilfestellungen merkt man recht schnell, dass die sozialpsychologische Komponente auch hier sehr vernachlässigt und innovative Selbsthilfe dringend erforderlich ist. Also gilt es eigene Strategien zu entwickeln, mit Liebe, Feinfühligkeit und Kreativität in die Offensive zu gehen.

Die vom Urologen vorgestellten Mittel zur Potenzverstärkung, in Form von Tabletten, Spritzen o.ä., sind Begleitmaßnahmen, die durchaus wirksam sind. Allerdings ist eine Enttäuschung vorprogrammiert, sollte man sich auf die solitäre Wirkung dieser Präparate verlassen.

Dies ist eine der Lebenssituationen, die deutlich macht, dass wir Menschen komplexe Wesen sind, Körper und Psyche in einem untrennbaren Einklang miteinander stehen. Die Mittel wirken wie eine Gehhilfe, jedoch laufen muss man selbst. Nur die mentale Stimulanz des Mannes, gekoppelt mit einem hohen Maß an Vertrauen in den Partner und die Beziehung, sind maßgeblich, um Wirksamkeit zu erzielen.

Wir haben entdecken dürfen wie belebend, bereichernd und nicht zuletzt erotisierend es für eine Beziehung sein kann, sich unter völlig anderen Vorzeichen sexuell neu zu orientieren. Weibliche Sexualität erschöpft sich nicht nur in der Penetration des Mannes, sondern hat unzählige andere Facetten.

Sehr aufregend war, herauszufinden, dass die Erlebnis- u. Genussfähigkeit meines Mannes nicht etwa verschwunden, sondern präsent und mit zunehmenden Abstand zur OP steigerungsfähig war.

Dabei ist die Erektionsfähigkeit nicht zwingend Vorraussetzung, und auch nicht ausschlaggebend für das Erleben des Höhepunktes.

Unsere gegenteilige Erfahrung ist, dass durch die Kompensation der erektilen Dysfunktion mentale Prozesse in Gang gesetzt wurden, die eine potenzierte Lust- und Orgasmusfähigkeit bewirken.

Potenz wird in den Köpfen der meisten Menschen mit Erektion, die möglichst lange andauernd, befriedigenden sexuellen Austausch mit dem Partner ermöglichen soll, gleichgesetzt.

Natürlich ist durch die Prägung und in der Denkstruktur verankert eine psychische Identifikation des Mannes mit dem Erektionsvermögen vorhanden. Folglich kann sich leicht das Entstehen eines Versagenskomplexes bei längerem Nichtvermögen ergeben.

Die Bekämpfung dieser Problematik gelingt durch das kreative Miteinander, durch wiederholtes Darstellen des Partners, dass Potenz sich nicht auf einen erigierten Penis reduziert, sondern vielmehr bestehen kann aus: Einfühlungsvermögen, Zärtlichkeit, Verständnis und Eingehen auf die spezifischen sexuellen Bedürfnisse des Partners.

Ich glaube, dass genau in dieser Situation eine große Chance verborgen liegt, wie so oft Krankheit und das Überstehen derselbigen, neue Erkenntnisse, andere Blickwinkel und Wertschätzungen hervorrufen kann.

Diese Chance wahrzunehmen, verleiht der eigenen Persönlichkeit und der Partnerschaft wunderbare neue Aspekte und Dimensionen. Das Gefühl nach der Diagnose, sich plötzlich auf einer einsamen Insel wiederzufinden, herausgerissen aus dem pulsierenden Leben, bekommt eine positive Wendung.

Man ist zu zweit auf der Insel, genießt die Besonderheit dieser neuen Zweisamkeit, der Zugang zum Festland ist aber jederzeit gewährleistet. 

Sicherlich ist es nicht möglich pauschal jeden Krankheitsverlauf einzustufen und allgemeingültige Ratschläge zu erteilen- sich aber auf die Herausforderung einzulassen, neue Pfade zu beschreiten, ohne Scheu andere Praktiken phantasievoll auszuprobieren, kann der Beziehung ganz neue aufregende Impulse und einen erfüllenden Zusammenhalt geben.


Oktober 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
25 26 27 28 29 30 1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31 1 2 3 4 5
Go to top Arrow Up C